Unsere Tourismushelden

Die Ökomodell-region Waginger See – Rupertiwinkel

Für den Tourismus in Oberbayern wünschen wir uns inständig, dass das Thema Biogenuss sowie weitere Formen von Nachhaltigkeit künftig eine stärkere Rolle spielen!

Sie haben sich zur staatlich anerkannten Ökomodellregion zusammengeschlossen: die 10 Gemeinden Fridolfing, Kirchanschöring, Laufen, Petting, Saaldorf-Surheim, Taching, Teisendorf, Tittmoning, Waging und Wonneberg! Für ihr nachhaltiges Engagement im Netzwerk wurden sie als Tourismusheld:innen nominiert und wir sind gespannt, mit welchen Maßnahmen der Zusammenschluss die Region zukunftsfähig nach vorne bringen wird.

Das Zusammenspiel von Naturerlebnis und Kulturlandschaft spielt im touristischen Angebot am Waginger See schon immer eine wichtige Rolle. Mit der Ökomodellregion kam das Ziel dazu, mehr Bioprodukte in der Region zu erzeugen und zu vermarkten. Durch die Verbindung zu Direktvermarktern und Bioprodukten aus der Region ergeben sich touristische Chancen, die für Einheimische wie für Gäste stärker erschlossen werden sollen.

Stellvertretend für die Ökomodellregion konnten wir Marlene Berger-Stöckl, Managerin der Ökomodellregion, für ein Gespräch gewinnen.


Erzählen Sie doch mal,… Frau Berger-Stöckel!

Was bedeutet für Sie der Begriff Nachhaltigkeit?

Die Schöpfung bewahren, d.h. die Erde mitsamt ihren Landschaftselementen und klimatisch lebensfreundlichen Bedingungen als vielfältigen Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanze erhalten.

Woher kam der Impuls die Ökomodellregion ins Leben zu rufen und welcher Grundgedanke steckt hinter dem Projekt?

Der Waginger See weist zwar eine gute bakteriologische Gewässerqualität auf, aber keine gute ökologische Gewässerqualität mehr. Ökolandbau ist ein echter Vorteil für den Gewässerschutz, weil keine Pestizide und keine leicht löslichen mineralischen (Phosphor-) Dünger verwendet werden (der Eintrag von Phosphor über Düngerzufuhr aus den Drainagen ist die Hauptursache für die schlechte ökologische Gewässerqualität). Da lag es für die Mitgliedsgemeinden im Seenbündnis nahe, den Ökolandbau zu fördern und sich als erste bayerische Ökomodellregion zu bewerben. Über den Erhalt der Gewässerqualität hinaus spielten touristische Faktoren bereits im Bewerbungskonzept eine große Rolle. Durch einen Schwerpunkt auf tiergerechte Haltung – mehr Tiere auf der Weide, extensive blütenreiche Wiesen und Weiden – , durch die Obergrenzen von 2,0 GV/ha im Ökolandbau und damit sparsamen Düngereinsatz, durch vielfältige beikrautreiche Ökoäcker, mehr Grünland und mehr Landschaftselemente und nicht zuletzt durch „Qualität vor Quantität“ in der Erzeugung kann der Ökolandbau, wenn er in einer Region stärker sichtbar wird, vielfältige Impulse für den Landschaftserhalt und damit für die Attraktivität für den Tourismus geben. Dazu gehören auch vielfältige Direktvermarktungsmöglichkeiten, der Einbezug von Gasthäusern mit regionalen Bioprodukten u.a.m.

Wie wird das Projekt von der Region angenommen und was waren die größten Herausforderungen?

Wie jede Veränderung war auch die Einführung der Ökomodellregion (ÖMR) anfangs mit nicht wenigen Widerständen verbunden. Inzwischen dürften wir uns einen relativ guten Stand erarbeitet haben, auch auf politischer Ebene, wo die Ökomodellregionen jetzt, wenn alles gut geht, eine unbefristete Verlängerung (anstelle befristeter Projektunterstützung) über das ALE (Amt für Ländliche Entwicklung) erfahren dürfen. Nach meiner Einschätzung sehen die meisten Bewohner, die über die ÖMR informiert sind (nicht alle lesen noch Zeitung oder das Gemeindeblatt, wo wir vielfältig vertreten sind), die Aktivitäten der ÖMR sehr positiv. Z.B. haben uns letzten Samstag auf der Biogenussradltour von Laufen nach Saaldorf-Surheim trotz Kälte und Regen wieder ca. 60 Teilnehmer den ganzen Tag lang auf dem Radl begleitet.

Auch aus den Gemeinderäten kommt viel Zuspruch. Die größten Herausforderungen liegen nicht in der Zusammenarbeit vor Ort – die läuft auf fast allen Ebenen recht gut, ob bäuerliche Verbände oder Verbraucher. Die größte Herausforderung kommt ganz woanders her: In aktuellen Diskussionen wird oft viel zu einseitig argumentiert, dass Milchprodukte und Fleisch das Klima belasten würden. Viele junge Menschen ernähren sich deshalb vegan, in der Annahme, damit einen sinnvollen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. Vegane Milchersatzprodukte haben inzwischen den gleichen Marktanteil wie Biomilchprodukte. Leider wird hierbei vergessen, dass 70% der weltweit nutzbaren Flächen Grünland (oder Savanne oder Steppe) in irgendeiner Form ist und wir dieses Land nur mit größten Schäden für die Ökosysteme in Ackerland umwandeln könnten (Bodenerosion, CO2-Freisetzung, Verlust der letzten Ökosysteme für Wildtiere und Verlust der Biodiversität).

Das bedeutet für eine grünlandorientierte Tourismusregion, dass der Kauf von Biomilch- und -fleischprodukten zu langsam steigt. Würde er schneller steigen, könnten viel mehr heimische Bauern auf Biolandbau umsteigen, und sie wären dazu auch bereit! Gerade deshalb ist ein bio-bewusster Gast eine sehr wichtige Zielgruppe für unsere Ökomodellregion, auf die wir viel stärker setzen möchten.

Welche zukünftigen Pläne haben Sie für die Region und das Projekt? Was sind die nächsten großen Meilensteine?

Wir versuchen, den Menschen ein Bewusstsein für den Wert von Wiederkäuern (sofern sie überwiegend vom Grünland gefüttert werden, nicht vom Acker) und des Grünlands zu vermitteln; das gilt auch für die Klimabilanz. Wir möchten die Vermarktung von Biofleisch verbessern, damit nicht immer mehr kleinstrukturierte Betriebe aufgeben müssen (die Haltung von Bio-Weideochsen anstelle konventioneller Bullenmastbetriebe braucht sehr viele engagierte Kleinbauern, die ihr Biofleisch gut „an den Mann bzw. an die Frau“ bringen können). Gerade sind wir dabei, mit verschiedenen Partnern einen mobilen Schlachtanhänger für eine hofnahe Schlachtung zu ermöglichen, damit mehr Biobauern stressfrei vor Ort schlachten und ihre Tiere direkt vermarkten können.

Wir möchten mehr regionale Bioprodukte in die Außer-Haus-Verpflegung bringen, von der Kantine bis zum biozertifizierten Gasthof.

Zudem wollen wir das Thema Biogenuss auf vielen Ebenen ausbauen:

  • Die Reihe „Waginger See Produkte – Biogenuss vom Waginger See“ soll Schritt für Schritt ausgebaut werden (bisher Biobier, Bio-Kas, Bioschnaps; in Vorplanung – Bio-Brot, Bio-Salami); Ziel ist die Einführung einer „Waginger See Brotzeit“ ausschließlich mit regionalen Bioprodukten (auch ein Waginger See Frühstück mit gleicher Zielsetzung ist denkbar).
  • Wir möchten unser biozertifiziertes Wirtenetzwerk stärken und ausbauen, das während Corona arge Rückschläge erlitten hat.
  • Wir möchten aus den Bio-Genussradltouren, die bisher einmal jährlich stattfinden, gern ein ganzjähriges Angebot machen (dafür bräuchte es mehr Personal entweder in der ÖMR oder an der TI Waging).
  • Das Projekt BiOS erleben hat grenzüberschreitend wichtige Grundlagen für die Darstellung des heimischen Bioangebots geschaffen. Eine Fortsetzung des Projekts z.B. in einer „Tour de Bio“ wäre denkbar (Idee der TI Waging), sobald wir Kapazitäten für die Konzeption schaffen können.
  • Wie wir dem Gast Bio sonst noch nahebringen können, der Ausbau von Erlebnismöglichkeiten, auch das wird ein Thema sein.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den 25 weiteren Ökomodellregionen aus (Synergien, Austausch im Netzwerk etc.) und welchen Stellenwert nehmen Netzwerke im Kontext der Nachhaltigkeit für Sie ein?

Wir können von anderen ÖMR viel lernen, was erfolgreiche Projektarbeit betrifft. Beispiel ÖMR Steinwald mit einem super Tourismusprogramm und super Bio-Genussangebot im Herbst! Um das Netzwerk zu stärken und sich regelmäßig auszutauschen, gibt es mindestens zweimal jährlich ein Treffen.

Eines Ihrer Handlungsfelder befasst sich mit dem Tourismus in Ihrer Region. Inwieweit wird das touristische Angebot in der Ökomodellregion durch den Nachhaltigkeitsgedanken des Projektes beeinflusst?

Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Ich freu mich aber, sagen zu können, dass wir uns in der Zusammenarbeit – TI Waginger See und ÖMR – in den letzten Jahren immer mehr gefunden und angenähert haben. So sind z.B. in der neuen Genussbroschüre Waginger See inzwischen viel mehr Bioangebote dabei als früher. Die TI Waging unterstützt uns auch sehr bei der jährlichen Aktualisierung der Bio-Erzeugerliste und bei der Darstellung verschiedener Bioangebote auf ihrer Webseite, ebenso wie bei der Umsetzung des Projekts BiOS erleben oder bei der Produktreihe „Waginger See“ – Bioprodukte.

Wie nehmen Sie den Tourismus in Waging am See wahr und was wünschen Sie sich zukünftig für den Tourismus in Oberbayern?

Die jetzige Ausrichtung des Tourismus am Waginger See passt sehr gut mit den Gedanken der ÖMR zusammen – „kleine Abenteuer“ statt großer Infrastruktur. Echte Begegnungen mit Einheimischen auf vielfältigen Natur-, Kultur- und Handwerkführungen anstatt großer Events. Das Thema Biogenuss sollte weiter gemeinsam mit der ÖMR entwickelt und ausgebaut werden.

Für den Tourismus in Oberbayern wünsche ich mir inständig, dass das Thema Biogenuss sowie weitere Formen von Nachhaltigkeit künftig eine stärkere Rolle spielen!


Kompass für nachhaltige Produkte

Für einen Überlick zu den Grundlagen einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung im Tourismus sowie Tipps, wie sich ein Betrieb auch mit kleinen Schritten (inkl. Best-Practice Beispiele und praxisorientierte Checklisten) auf den Weg machen kann, haben wir für Sie einen Nachhaltigkeitskompass konzipiert

Mehr zu unseren Helden und ihrem Engagement

Kontakt

Ökomodellregion Waginger See
Marlene Berger-Stöckl
Rathaus, Salzburger Str. 1
83329 Waging am See
Mail oekomodellregion@waging.de
Tel. 08681/ 4005-370
www.oekomodellregionen.bayern


veröffentlicht am 26. September 2022