© oberbayern, piarazzi

Mehr als Bergidylle 

Echt stark für Oberbayern

Wie Almen Landschaft, Leben und Zukunft gestalten 

Die Berge gehören zu den stärksten Bildern Oberbayerns. Sie stehen für Natur, Erholung und Lebensqualität, prägen das touristische Profil der Region und sind zugleich Heimat und Wirtschaftsraum. Was dabei leicht übersehen wird: Die offene Almlandschaft, wie wir sie heute kennen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie entsteht dort, wo Menschen seit Jahrhunderten Verantwortung übernehmen – mit Wissen, Erfahrung und täglicher Arbeit. 

Wer eine Alm besucht, erlebt meist nur das Ergebnis dieser Arbeit nicht aber den Alltag, der dahintersteht. 

„Unsere Almerer machen die weltweit beliebte Tourismus- und Erholungsregion der bayerischen Alpen erst zu dem, was sie ist. Nur durch Bewirtschaftung mit Fleiß und Herzblut erhalten sie die Bergweiden. Stillgelegte Wälder und Almen wären weniger attraktiv. Diese generationenübergreifende Arbeit müssen wir anerkennen und unterstützen.“ 

Hubert Aiwanger, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie 

Die Arbeit hinter der Aussicht 

Der Almsommer beginnt lange bevor die ersten Wanderer einkehren. Wege müssen kontrolliert, Zäune repariert, Leitungen instandgesetzt und Gebäude gepflegt werden. Erst dann ziehen Rinder, Schafe oder Ziegen auf die Hochweiden. Rund 55.000 Rinder und Jungvieh sowie tausende Schafe und Ziegen verbringen jedes Jahr die Sommermonate auf den Almen der bayerischen Alpen. 

Die Tiere übernehmen dort eine Aufgabe, die keine Maschine ersetzen kann: Sie halten die Flächen offen, verhindern Verbuschung und schaffen Lebensräume für eine außergewöhnliche Artenvielfalt. Auf einer einzigen ungedüngten Almwiese können mehr als 60 Pflanzenarten pro Quadratmeter wachsen. 

Für viele Bergbauernfamilien ist die Almwirtschaft Teil ihrer Lebensgrundlage: Almbewirtung, Direktvermarktung oder Urlaub auf dem Bauernhof tragen entscheidend dazu bei, landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich zu sichern. Gleichzeitig bleibt wertvolles Wissen erhalten, das über Generationen gewachsen ist. 

Ein echtes Original: 

Almbauer Anton Maier 

Wie viel Erfahrung, Verantwortung und Leidenschaft hinter der Bewirtschaftung einer Alm stecken, zeigt Anton Maier, Almbauer in 14. Generation. Für ihn ist seine Arbeit Berufung, der Erhalt der Natur und ihrer Biodiversität ein Herzensanliegen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Genuss mit Herkunft 

Etwa jede vierte bis fünfte Alm bietet während der Saison eine Bewirtung an oder verkauft eigene Erzeugnisse direkt an Gäste. Mit Erfolg: Mehr als 60 Prozent aller Wandernden verbinden ihre Tour ganz bewusst mit einer Einkehr, und rund 75 Prozent der in digitalen Tourenplanern und Wanderführern vorgeschlagenen Routen führen über oder zu einer bewirtschafteten Alm. Damit prägen Almen nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch das Naturerlebnis vieler Menschen. 

Hier wird Landwirtschaft unmittelbar erlebbar: Aus Milch entstehen Käse und Butter, aus regionalen Zutaten traditionelle Gerichte und aus persönlichen Begegnungen ein besseres Verständnis für die Arbeit der Menschen, die diese Landschaft bewirtschaften. Genuss und Herkunft gehören auf der Alm untrennbar zusammen – und schaffen regionale Wertschöpfung dort, wo sie entsteht. 

Ein echtes Original: 

Ziegenbäuerin Maria Frisch 

Wie aus Landwirtschaft Verständnis und Genuss entstehen können, zeigt Maria Frisch auf einem Ziegenhof am Waginger See: Bei ihren tierischen Wanderungen bringt sie Familien, Schulklassen und Gruppen vermittelt sie ganz nebenbei Wissen über Haltung, Weiden und bäuerlichen Alltag. Spätestens bei der anschließenden Brotzeit schließt sich der Kreis: Die Milch ihrer Ziegen verarbeitet Maria selbst zu handwerklichen Käsespezialitäten. So wird aus einem Ausflug ein Erlebnis mit „Mährwert“ – und aus regionaler Herkunft etwas, das man sehen, verstehen und sogar schmecken kann. 


Landschaft braucht Menschen 

Wer heute auf Bergtour unterwegs ist, ahnt oft nicht, dass viele der gut ausgeschilderten Wege ursprünglich für Viehtrieb und Bewirtschaftung angelegt wurden. Gemeinsam mit Bergbahnen und regionalen Partnern bilden sie ein eng vernetztes System, das Naturerlebnis, Orientierung und Sicherheit im Gebirge ermöglicht. 

Bewirtschaftete Almen leisten so auch einen wichtigen Beitrag zur Besucherlenkung: Sie ziehen Wandernde gezielt auf offizielle, bestehende Routen und helfen dabei, sensible Lebensräume und Wildruhezonen zu entlasten. 

Wer tiefer in die Entstehung von einzigartigen Landschaften eintauchen möchte, findet im Beitrag zu den Kulturlandschaften Oberbayerns weitere spannende Hintergründe. 


Was Almen heute herausfordert 

So selbstverständlich unsere Almen nach außen wirken, so anspruchsvoll ist ihre Bewirtschaftung geworden. Der Klimawandel verändert Vegetationszeiten und Wasserverfügbarkeit. Längere Trockenperioden erschweren die Futterversorgung, während Starkregen Wege und Almflächen zunehmend beschädigt und ihre Instandhaltung aufwendiger macht. 

Gleichzeitig steigt der Nutzungsdruck auf viele Bergregionen: Immer mehr Menschen sind zu Fuß oder mit dem Mountainbike unterwegs und teilen sich Wege mit Weidetieren und landwirtschaftlichem Betrieb. Ein respektvoller Umgang miteinander – insbesondere beim Wandern mit Hund – wird deshalb immer wichtiger. 

Auch die Hofnachfolge beschäftigt viele Almbetriebe. Die Arbeit ist körperlich anspruchsvoll, die Tage lang und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft herausfordernd. Umso wichtiger wird ein gutes Zusammenspiel von Landwirtschaft, Naturschutz, Tourismus und allen, die die Berge nutzen und schätzen. Denn nur gemeinsam lässt sich erhalten, was Oberbayerns Almen so besonders macht. 

Zwischen Tradition und Aufbruch 

Almwirtschaft bedeutet nicht Stillstand, sondern ständige Weiterentwicklung. Viele historische Kaser werden behutsam modernisiert, damit sie auch künftig als Arbeits- und Lebensraum genutzt werden können. Wasser- und Energieversorgung werden verbessert, Materialtransporte erleichtert und Gebäude an heutige Anforderungen angepasst, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren. 

Auch digitale Technologien halten Einzug in den Almalltag: Satellitengestützte Weideplanung, digitale Tiererfassung oder Sensoren für Wasserversorgung und Herdenschutz helfen dabei, Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten und die anspruchsvolle Bewirtschaftung zu erleichtern. 

Gleichzeitig gewinnt die wissenschaftliche Begleitung an Bedeutung. Biodiversitätsmonitoring macht sichtbar, welchen Beitrag extensiv bewirtschaftete Almflächen für Pflanzen, Insekten und andere Tierarten leisten. Viele Entwicklungen, die früher nur vermutet wurden, lassen sich heute belegen – und zeigen eindrucksvoll, welchen ökologischen Wert die Almwirtschaft besitzt. 


Alm auf Zeit 

Wer einmal selbst erleben möchte, wie sich das Almleben anfühlt, muss nicht gleich einen eigenen Bergbauernhof übernehmen. Immer mehr Projekte ermöglichen freiwillige Arbeitseinsätze auf Almen. Beim sogenannten Almsommer unterstützen Ehrenamtliche Almbäuerinnen und Almbauern bei Pflegearbeiten, Zaunbau oder einfachen Aufgaben im Alltag. 

Auch die „Schwendaktion im Achental – mit dem Almbauer aktiv auf der Alm“ bietet eine Möglichkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit: Sie bringt Gäste, Einheimische und Almbauern zusammen, um durch gemeinsamen Einsatz den Erhalt der artenreichen Kulturlandschaft zu sichern. 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Durch Projekte wie diese entsteht etwas, das weit über praktische Hilfe hinausgeht: ein neues Verständnis für die Arbeit in den Bergen und für den Wert einer Landschaft, die oft selbstverständlich erscheint. Gleichzeitig leisten die Freiwilligen einen konkreten Beitrag zum Erhalt einer Bewirtschaftungsform, die Oberbayerns Bergwelt seit Jahrhunderten prägt. 


Damit Almen Zukunft haben 

Schöne Ausblicke gehören untrennbar zu den oberbayerischen Almen. Ihre eigentliche Geschichte erzählt sich jedoch erst beim zweiten Hinsehen. Sie handelt von Menschen, von jahrhundertealtem Wissen, und von einer Form der Landwirtschaft, die Natur und Nutzung miteinander verbindet. 

Der Erhalt der Almwirtschaft ist jedoch nicht Aufgabe einzelner Betriebe. Er ist eine gemeinsame Zukunftsaufgabe für Landwirtschaft, Naturschutz, Kommunen, Politik und Tourismus. Almbäuerinnen und Almbauern leisten Tag für Tag bereits einen unverzichtbaren Beitrag. Ebenso gefragt sind Politik und Kommunen, die passende Rahmenbedingungen schaffen, Naturschutz und Landwirtschaft, die gemeinsame Lösungen entwickeln, sowie touristische Akteure, die Besucherströme lenken, Wertschöpfung sichern und die Bedeutung der Almwirtschaft über die Region hinaus sichtbar machen.  

Unsere Almen sind nicht nur ein Symbol für Oberbayern, sondern zeigen eindrucksvoll, was verantwortungsvolle Bewirtschaftung für Natur, Region und Gesellschaft leisten kann. 

Noch mehr Hintergründe finden Sie im „Faktenkompass Almen“ zum Download:

veröffentlicht am