Was Oberbayerns Festkultur lebendig hält
Wenn die Musik spielt, die Maßkrüge klirren oder sich ein Festzug in Bewegung setzt, ist die meiste Arbeit längst getan. Programme wurden geplant, Genehmigungen eingeholt, Bühnen aufgebaut, Tänze geprobt, Instrumente gestimmt und unzählige Handgriffe ausgeführt. Was nach unbeschwertem Feiern aussieht, ist das Ergebnis vom Einsatz vieler Menschen, die vorher kräftig angepackt haben.
Anlässe zum Feiern gibt es in Oberbayern reichlich: Volksfeste und Dulten, Leonhardifahrten und Georgiritte, Vereinsfeste, Konzerte und Festivals. Manche ziehen ein internationales Publikum an, andere “nur” ein ganzes Dorf. Sie alle bringen Menschen zusammen und machen Kultur erlebbar.
Wie groß die Dimension eines Festes werden kann, zeigt das Oktoberfest: Für 2026 wird sein Wirtschaftswert auf rund 1,6 Milliarden Euro berechnet. Rund 13.000 Arbeitsplätze gibt es während der Saison. 70 Prozent der auswärtigen Gäste übernachten in München. Das Fest wirkt damit auch in Hotellerie, Gastronomie, Handel und weitere Wirtschaftsbereiche hinein.
Doch die großen Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte…
Tradition in Bewegung
Tradition bleibt lebendig, weil Menschen sie weiterführen. In Oberbayern lässt sich das besonders dort beobachten, wo Brauchtum nicht für ein Publikum inszeniert wird, sondern selbstverständlich zum Jahreslauf gehört.
Einige Bräuche reichen Jahrhunderte zurück: Die erste Tölzer Leonhardifahrt ist für 1772 verbürgt, Georgiritt und historischer Schwerttanz zu Traunstein ebenfalls seit dem 18. Jahrhundert. Wie auch die Passionsspielen Oberammergau gehören sie heute zum Immateriellen Kulturerbe.
Der Trachten- und Schützenzug der “Wiesn” hat seine Wurzeln im Jahr 1835, als zu Ehren der Silberhochzeit von König Ludwig I. und Therese von Bayern der erste Festzug stattfand. Heute ziehen jedes Jahr rund 9.000 bis 9.500 Mitwirkende durch München. Tracht und Vereinsleben bekommen hier ihre “große Bühne”. Doch auch in den entlegenen Winkeln der Region gibt es überall Anlässe:
Echte Originale:
Die Plattler vom Trachtenverein D’Höllentaler
Beim Trachtenverein “D’Höllentaler” im Zugspitzdorf Grainau sind es gerade auch junge Menschen, die dafür sorgen, dass Schuhplattln lebendig bleibt. Viele sind von Klein auf dabei und so mancher bleibt es ein Leben lang. Wer nicht mehr aktiv “plattlt”, organisiert und bewirtet bei Festen im Musikpavillon. Und alle gemeinsam sorgen dafür, dass Tradition und Zusammenhalt in der Zugspitzregion gepflegt werden.
Echte Originale:
Flößerei Seitner
Die Flößerei Seitner führt seit Generationen Floßfahrten im Tölzer Land durch. Bis auf kleinere technische Details werden die Flöße heute noch genau so gebaut wie früher. Und auch sonst hält man in und um Wolfratshausen Altbewährtes am Leben: Die Johannifloßprozession verbindet Flößertradition, Vereinsleben und kirchlichen Brauch. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen die örtlichen Vereine zur alten Floßlände. Dort werden die festlich geschmückten Flöße im Licht von Fackeln und Feuern gesegnet, bevor die Prozession auf der Loisach weiterzieht. Die heutige Veranstaltung orientiert sich am historischen Ablauf von 1910 und wurde 1994 wieder eingeführt.
Im eigenen Takt
Ohne Musik wäre so manches Fest vermutlich nur halb so festlich. Und ohne Menschen, die gemeinsam spielen, singen und tanzen, würde ein wichtiger Teil der oberbayerischen Festkultur fehlen.
Wie groß dieses Netzwerk ist, zeigen einige Zahlen: Im Musikbund von Ober- und Niederbayern sind mehr als 25.000 aktiv Musizierende organisiert. Zehn Gauverbände des Bayerischen Trachtenverbands haben ihren Sitz in Oberbayern und zählen zusammen rund 105.000 Mitglieder.
Dass Musik und Tanz dabei keineswegs nur rückwärtsgewandt gedacht werden, zeigt auch die aktuelle Kampagne „Bayern geHÖRT erlebt“ der Bayern Tourismus Marketing GmbH. Gemeinsam mit den Tourismusregionen rückt sie traditionelle ebenso wie moderne Musik- und Tanzkultur als Reiseerlebnis in den Mittelpunkt. Große Bühnen stehen dabei neben kleinen regionalen Veranstaltungen, Bekanntes neben überraschenden Klängen.
Der Tourismus Oberbayern München e.V. beteiligt sich an der Kampagne – denn auch Oberbayern geHÖRT erlebt.
Wer macht’s morgen?
So lebendig die Festkultur ist, so wenig selbstverständlich ist ihre Zukunft. Besonders deutlich wird das beim Ehrenamt: Bundesweit ist der Anteil der Engagierten im Bereich Kultur und Musik von 8,6 Prozent im Jahr 2019 auf 6,3 Prozent im Jahr 2024 gesunken.
Dabei geht es nicht allein darum, genügend helfende Hände für einen Festtag zu finden. Vereine brauchen Menschen, die dauerhaft Verantwortung übernehmen, Vorstandsarbeit leisten, Nachwuchs ausbilden und Wissen weitergeben.
Gleichzeitig steigen Personal-, Energie- und Rohstoffkosten. Sicherheitskonzepte und Besuchersteuerung werden anspruchsvoller. Was für Besucherinnen und Besucher möglichst leicht und unbeschwert wirken soll, verlangt hinter den Kulissen zunehmend Professionalität.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, welche Traditionen und Veranstaltungen Oberbayern erhalten möchte. Sondern auch, welche Bedingungen diejenigen brauchen, die sie künftig möglich machen sollen.
„Was wäre Bayern ohne Tracht, Musik, Brauchtum – und die Menschen, die das alles lebendig halten?“
Michaela Kaniber, Bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus
Damit das Feiern weitergeht
Festkultur lebt von Menschen, die organisieren und musizieren, tanzen und ausschenken, Handwerk beherrschen, Wissen weitergeben und Verantwortung übernehmen. Von Kommunen und Veranstaltern, die Rahmenbedingungen schaffen. Und nicht zuletzt von Gästen und Einheimischen, die diese Angebote nutzen und gemeinsam mit Leben füllen.
Wertschätzung für Oberbayerns Feste bedeutet deshalb vor allem Wertschätzung für diejenigen, die sie möglich machen. Denn damit auch morgen noch gefeiert werden kann, braucht es heute Menschen, die anfangen, weitermachen – und andere dafür begeistern.
Noch mehr Zahlen, Hintergründe und Zusammenhänge finden Sie im „Faktenkompass Feste“ zum Download: